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Gemeinsam Wirkung erzeugen

Ludger Weskamp und Hanka Mittelstädt im Doppelinterview zur besonderen Situation für Sparkassen und Landwirtschaft im Geschäftsgebiet des Ostdeutschen Sparkassenverbands.

Joachim Walter

Der Geschäftsführende Präsident des Ostdeutschen Sparkassenverbands (OSV) Ludger Weskamp und die jetzige Landwirtschaftsministerin von Brandenburg Hanka Mittelstädt haben beide einen starken Regional- beziehungsweise Praxisbezug. Ludger Weskamp war vorher Landrat, Hanka Mittelstädt zuletzt Geschäftsführerin eines landwirtschaftlichen Betriebs und zuvor auch Bankerin. Beide können deshalb pointiert auf die speziellen wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen im Geschäftsgebiet des OSV eingehen.

Herr Weskamp, die Welt ist im Umbruch und auch Deutschland steht vor großen wirtschaftspolitischen Herausforderungen. Was bedeutet diese aktuelle Situation für die ostdeutschen Sparkassen?

Ludger Weskamp: Um gleich mit einer Volksweisheit aus der Landwirtschaft einzusteigen: In den vergangenen Jahren herrschte bei der Bundes-Förderpolitik vielfach der Eindruck, rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln. Das ist fatal. Für nahezu alle Lebensbereiche sind Verlässlichkeit, Planbarkeit und Berechenbarkeit das A und O – ganz besonders für unsere Landwirtinnen und Landwirte. Die wirtschaftliche Lage ist und bleibt auch in den kommenden Monaten angespannt. Für unsere ostdeutschen Sparkassen könnte das Verschärfungen der Kreditvergabebedingungen, eine erhöhte Unsicherheit bei Investitionen und eine noch stärkere Konkurrenz durch andere Finanzdienstleister bedeuten. Darauf müssen die ostdeutschen Sparkassen flexibel und innovativ reagieren, um ihre Stabilität zu sichern. Aber darin sind sie geübt – seit mehr als 200 Jahren.

Im Frühjahr dieses Jahres hat zudem die neue Bundesregierung ihre Arbeit aufgenommen. Ich hoffe, dass die aktuelle Umbruchstimmung nicht verpufft. Wir müssen jetzt vom Reden ins Machen kommen und dabei alle an einem gemeinsamen Strang ziehen. Ich bin optimistisch, dass der deutsche Motor dann wieder anläuft.

Die Landwirtschaft ist ein wichtiger Wirtschaftszweig im Geschäftsgebiet des OSV. Wie steht es um die ostdeutschen Landwirtschaftsbetriebe?

Weskamp: Vor 50 Jahren gab es in der Bundesrepublik noch mehr als 1,1 Millionen bäuerliche Betriebe, heute sind es bundesweit nur noch gut 260.000 – die produktivsten davon in Ostdeutschland, sie erhalten daher auch den größten Anteil der Agrarsubventionen aus Brüssel. In den vier Bundesländern Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Sachsen-Anhalt arbeiten über 120.000 Menschen in rund 21.000 Agrarbetrieben. Die Landwirtschaft zählt in Ostdeutschland zu den bedeutendsten Wirtschaftszweigen. Die ostdeutschen Sparkassen intensivieren seit mehr als einem Jahrzehnt ihr Agrargeschäft. In diesem Zeitraum haben sie das Kreditvolumen in diesem Marktsegment mehr als verdoppelt. Da, wo sich andere Kreditinstitute zurückziehen, sind wir individueller Berater und Ansprechpartner vor Ort. Trotz der wirtschaftlichen Unsicherheiten liegt der Agrarkreditbestand mit geringen Abweichungen konstant bei rund 746 Millionen Euro.

Hanka Mittelstädt: Die Betriebe stehen unter großem Druck insbesondere in der Tierhaltung. Hier haben wir in den vergangenen Jahren massiv an Boden verloren. Sauenhaltung, Schweinemast und auch Milchviehhaltung verzeichnen in Brandenburg einen substanziellen Rückzug durch landwirtschaftliche Unternehmer. Das ist in der Regel durch fehlende ökonomische Erfolgsperspektiven geprägt. Dennoch bin ich von der Zukunfts- und Leistungsfähigkeit überzeugt: Sehr gut ausgebildete Agrarmanager stehen bereit, die Zukunft der Betriebe in die Hand zu nehmen. Die oben genannten Zahlen zeigen Investitionsbereitschaft. Wenn es in den kommenden zwei Jahren gelingt, auf EU- und Bundesebene verlässliche Rahmenbedingungen für tierhaltende Betriebe zu liefern, sehe ich Chancen, den Abwärtstrend umzukehren.

Herr Weskamp, wie treffen die wirtschaftlichen Schwierigkeiten einerseits Ihre landwirtschaftlichen Firmenkunden und andererseits die Sparkassen selbst?

Weskamp: Die Landwirtschaft ist kapital- und kreditintensiv, egal ob es sich um Flächenkäufe, Tierplätze oder Technik handelt – in allen Bereichen sind die Kosten zuletzt massiv gestiegen. Zudem sehen sich landwirtschaftliche Unternehmen mit einer unendlichen Vielzahl von Gesetzen und Verordnungen konfrontiert, wodurch fortlaufend Zusatzinvestitionen erforderlich sind. Die Politik muss hier schnell verlässliche Rahmenbedingungen schaffen. Denn die Sicherung der Kapitaldienstfähigkeit ist für landwirtschaftliche Betriebe besonders wichtig, vor allem weil sie oft einen saisonalen Cash-Flow haben. Eine besondere Herausforderung ist es, die Liquidität unterjährig aufrechtzuerhalten, bis Förderzahlungen oder Erträge aus der Ernte tatsächlich eingehen. Das ist wichtig, um laufende Betriebs- und Personalkosten decken zu können. Deshalb ist eine vorausschauende, frühzeitige Finanzplanung entscheidend. Und da kommen die ostdeutschen Sparkassen als zuverlässige Finanzpartner vor Ort ins Spiel.

Wo sehen Sie die Schwerpunkte Ihrer Unterstützung für die ostdeutsche Landwirtschaft in naher Zukunft?

Weskamp: Der Ostdeutsche Sparkassenverband präsentiert sich regelmäßig auf den großen Landwirtschaftsmessen und schafft mit der jährlichen Fachtagung Agrargeschäft sowie dem traditionellen Agrarkonvent jedes Jahr zwei tolle Angebote. Landwirtinnen und Landwirte schätzen die Veranstaltungen als Plattform, um sich mit Experten aus der Landwirtschaft, Wissenschaft, Interessenvertretungen, aber auch Agrarkundenbetreuern der Sparkassen zu aktuellen landwirtschaftlichen Themen auszutauschen und zu vernetzen.

Frau Mittelstädt, wo sehen Sie als Ministerin Ihre aktuellen Schwerpunkte?

Mittelstädt: Ich möchte gerne die Schwerpunkte meiner Arbeit strategisch auf die Entwicklung von zukunftsorientierten Rahmenbedingungen legen. Das bedeutet nicht nur kurzfristig zu denken, sondern den Blick über eine Legislaturperiode hinaus zu richten. Mit der Neuausrichtung der EU-Politik unter den Vorzeichen einer neuen Verteidigungs- und Infrastruktur-Doktrin haben sich bereits grundlegende Veränderungen der Prioritäten ergeben. Ich bin der festen Überzeugung, dass zu einer europäischen Sicherheitspolitik auch eine stabile, krisensichere Land- und Ernährungswirtschaft in Europa gehört. In der Landespolitik arbeiten wir, nach der Bewältigung der existentiellen Bedrohung unserer Tierhaltung durch den Ausbruch der Maul- und Klauenseuche, daran die Landwirtschaft wieder zu stärken. Dabei arbeiten wir als Minister der östlichen Bundesländer Hand in Hand, denn die Rahmenbedingungen unserer Betriebe sind vergleichbar und erfordern eine starke Stimme im Bund und in Brüssel. Unsere Landwirte in Brandenburg sind exzellente Betriebsmanager, die innovativ den Anforderungen der Gesellschaft, sich verändernden Märkten bis hin zum Klimawandel begegnen. Wir müssen diese unternehmerische und fachliche Exzellenz von zu starken Fesseln befreien.

Ludger Weskamp
»Da, wo sich andere Kreditinstitute zurückziehen, sind wir individueller Berater und Ansprechpartner vor Ort.«
Ludger Weskamp
Geschäftsführender Präsident des Ostdeutschen Sparkassenverbands

Herr Weskamp, welche Rolle spielen Fachkräftemangel und fehlende Nachfolge in den ostdeutschen Landwirtschaftsbetrieben – und wie sollten sie beidem begegnen?

Weskamp: Niemand wird schönreden wollen, dass der Nachwuchsmangel schon heute wesentlich mehr Arbeitsdruck auf das bestehende Personal verursacht. Viele landwirtschaftliche Betriebe stehen zudem vor der ernsthaften Herausforderung, dass die nächste Generation nicht in die Landwirtschaft einsteigen möchte oder kann. Das führt dazu, dass Betriebe oft verkauft oder aufgegeben werden. Wir müssen junge Menschen wieder für die Landwirtschaft begeistern, Ausbildungs- und Weiterbildungsangebote fördern und attraktive finanzielle Rahmenbedingungen schaffen. Der Ostdeutsche Sparkassenverband bietet in diesem Jahr im Rahmen des Agrarkonvents einen Workshop zum Thema Fachkräftemangel und Nachfolge an, denn auch die Hürden für Betriebsübernahmen sind aktuell zu hoch.

Frau Mittelstädt, wie viel Regulierung braucht die Landwirtschaft – und welche Regeln behindern eher?

Mittelstädt: Ein Großteil der landwirtschaftlichen Erzeugnisse sind welt- und europaweit gehandelte Rohstoffe – meist für die Weiterverarbeitung zu Nahrungsmitteln. Das bedeutet, dass Regulierungen die Wettbewerbsfähigkeit mit anderen Regionen stark beeinflussen. Solche Wettbewerbsverzerrungen haben wir bereits in Europa, ein Beispiel sind die hohen deutschen Standards in der Tierhaltung. Das hat im Bereich der Schweineproduktion zu starken Verlagerungen der Produktion nach Spanien geführt. Der Gemüseund Obstanbau in Deutschland leidet massiv auch unter sehr unterschiedlichen Lohnbedingungen in Europa aufgrund des hohen Bedarfs an saisonalen Mitarbeitern. Zudem haben wir sehr unterschiedliche Regeln bei der Zulassung von Pflanzenschutzmitteln, Regelungen bei der Düngung oder anderen naturschutzbedingten Einschränkungen. Es gilt also die Balance zu finden zwischen notwendigen, dann aber fairen Regulierungen, innerhalb Europas und dem Abbau von überregulierten Standards. Damit haben wir sogar Probleme in unseren föderalistischen Strukturen. Dass was ein Landwirt in Bayern darf, kann in Brandenburg bereits verboten sein. Regulierung und Deregulierung muss zukünftig den Aspekt vergleichbarer Standards besser berücksichtigen.

Welche konkreten Schritte planen Sie zum Bürokratieabbau?

Mittelstädt: Wir wissen, dass wir dicke Bretter bohren müssen. Der erste Ansatz den wir auf Landesebene verfolgen ist es alle Verordnungen oder Gesetze, die über Bundes- und EU- Gesetzgebung gehen, auf ihre Wirkung und Sinnhaftigkeit prüfen. Wichtig ist der direkte Kontakt zu den von Bürokratie betroffenen Akteuren, die uns ihre Probleme sachlich darstellen. Das findet in regelmäßigen Runden statt. Um dann in eine Umsetzungsphase zu kommen, haben wir in unserem Ministerium Arbeitsstrukturen geschaffen, die den dauerhaften Bürokratieabbau nicht als Bedrohung, sondern als Erfolgsmaßstab verinnerlichen müssen. In den ersten sechs Monaten meiner Amtszeit konnten wir bereits dazu beitragen, dass erste Deregulierungen in den Bereichen Landnutzung und Umwelt in das parlamentarische Abstimmungsverfahren eingebracht werden. Ein erster konkreter Schritt, dem wir weitere folgen lassen werden.

Herr Weskamp, was erwarten Sie als Verband von der neuen Regierung, insbesondere nach den Bauernprotesten Anfang 2024?

Weskamp: Zuallererst wünsche ich mir Wertschätzung und Anerkennung der Landwirte für ihre wichtige Rolle für die regionale Versorgung und Wirtschaft. Nach den Protesten Anfang 2024 ist es wichtig, dass die Regierung den Dialog mit den Landwirten fördert, um gemeinsam nachhaltige Lösungen zu entwickeln.

Welche Rahmenbedingungen braucht künftig eine nachhaltige und stabile Landwirtschaft?

Weskamp: Für eine nachhaltige und regionale Landwirtschaft sind klare und faire gesetzliche Vorgaben und Wettbewerbsbedingungen nötig, die Umwelt- und Klimaschutz fördern, ohne die wirtschaftliche Existenz der landwirtschaftlichen Unternehmen zu gefährden. Es braucht finanzielle Unterstützung und langfristig angelegte, entbürokratisierte Förderprogramme, um nachhaltige Anbaumethoden und innovative Technologien zu fördern.

Frau Mittelstädt, Sie haben selbst mehrere Jahre einen Landwirtschaftsbetrieb geführt. Was zeichnet für Sie ein modernes, nachhaltiges landwirtschaftliches Unternehmen aus?

Mittelstädt: Innovationsbereitschaft und unternehmerische Tatkraft, da bin ich klar und eindeutig. Es hilft überhaupt nicht zu jammern über die Rahmenbedingungen. Und das gilt eigentlich für jedes Unternehmen. Auch wenn es manchmal schwer sein mag, muss gehandelt werden. Diversifizierung des Betriebes, Offenheit für Marktchancen und ein bisschen Mut auch zum Experiment. Dazu halte ich es für wichtig, offen zu sein für Partnerschaften und Kooperationen. Die Zeit, alle Themen allein lösen zu können, ist vorbei. Zusätzliche Stärke entsteht in der Bündelung von Kompetenzen und finanzieller Schlagkraft – da wünsche ich mir manchmal mehr Offenheit innerhalb der Betriebsmanager.

Wo besteht aus Ihrer jeweiligen Sicht der größte politische Handlungsbedarf?

Weskamp: Ganz klar im Abbau der Bürokratie und der Überregulierung. Wie in allen Branchen würgen diese beiden Faktoren auch in der Landwirtschaft Initiativen und Innovationen ab. Das ganze Land spricht von Digitalisierung, aber im Vergleich von vor zehn Jahren müssen Unternehmen in Deutschland heute fast 16 Prozent mehr Papier in Form von Anträgen und Abrechnungen ausfüllen. Und so geht es Bauern, Ärzten, dem Handel, Vereinen und ja, selbst auch der kommunalen Verwaltung. Diese Bürokratie verursacht allein für Firmen direkte Kosten von 65 Milliarden Euro pro Jahr. Landwirte wollen uns mit Nahrungsmitteln und anderen wichtigen Rohstoffen versorgen – und zwar draußen auf dem Feld, nicht am Schreibtisch!

Mittelstädt: Allein der Abbau von Bürokratie wird es nicht sein, es ist ein wichtiger Baustein. Aus meiner Sicht geht es um ein klares Zielbild für die Landwirtschaft 2040 in Deutschland. Ein klares Ja zum Umbau der Tierhaltung, entsprechende Rechtssicherheit und ein ausreichendes Förderpaket. Ein klares Ja zu Grünlandstandorten und Weidehaltung. Ein klares Ja zur Überprüfung der Zulassung von Pflanzenschutzmitteln bei europaweiten Standards unter Berücksichtigung der klimatischen Veränderungen und ein klares Ja zum Einsatz innovativer, umweltschonender Verfahren im Ackerbau inklusive natürlichen Gentechnikverfahren.

Hanka Mittelstädt
»Das Ministerium soll eine wichtige Scharnierfunktion zwischen der Wirtschaft und den Verbänden bieten.«
Hanka Mittelstädt
Ministerin für Land- und Ernährungswirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz des Landes Brandenburg (MLEUV)

Wie kann die Zusammenarbeit zwischen den Sparkassen des OSV, den Landwirtschaftsverbänden und den Landwirtschaftsministerien wie dem MLEUV Brandenburg künftig aussehen?

Weskamp: Der Austausch besteht ja bereits. Wichtig ist nun, dass dieser aktiv aufrechterhalten und ausgebaut wird. Im Fall von Frau Mittelstädt ist es natürlich ein Glücksfall, dass sie als ehemalige Landwirtin sehr nah dran ist an den Belangen der Betriebe. Gemeinsam könnten wir in Zukunft gezielte Förderprogramme entwickeln, die landwirtschaftliche Betriebe bei Investitionen, Modernisierung und nachhaltiger Bewirtschaftung unterstützen.

Mittelstädt: Meine Vorstellung von Zusammenarbeit ist es, das Beste aus allen Blickwinkeln und Argumenten zusammenzutragen und gemeinsam Wirkung zu erzeugen. Hier kann und soll das Ministerium eine wichtige Scharnierfunktion zwischen der Wirtschaft und den Verbänden bieten. Da, wo wir inhaltliche Impulse für eine zukunftsorientierte Entwicklung geben können, werden wir engagiert zur Seite stehen.