Digitalisierung, künstliche Intelligenz und eine Generation, die Finanzdienstleistungen neu denkt: Die Sparkassen-Finanzgruppe steht vor gewaltigen Herausforderungen. Wie sich Deutschlands größte Finanzgruppe zwischen digitaler Geschwindigkeit und persönlicher Nähe positioniert, wie sie junge Menschen als Kunden und als Mitarbeitende gewinnt und warum der Multikanalansatz dabei zur langfristigen Strategie wird, erklärt Dr. Joachim Schmalzl, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des DSGV, im Gespräch.
Herr Dr. Schmalzl, vor welchen übergeordneten Herausforderungen steht die Sparkassen-Finanzgruppe aktuell?
Schmalzl: Die Sparkassen-Finanzgruppe durchläuft aktuell einen tiefgreifenden Wandel, der durch Digitalisierung, künstliche Intelligenz, veränderte Kundenerwartungen und einen intensiveren Wettbewerb geprägt ist. Insbesondere junge Kundinnen und Kunden erwarten intuitive digitale Services, schnelle Abläufe, hohe Transparenz und Flexibilität. Wir sehen auch, dass Finanzdienstleistungen zunehmend über verschiedene Anbieter parallel genutzt werden. Dadurch steigen die Erwartungen an unsere Dienstleistungen. Gleichzeitig verändern sich Kundenzugänge durch digitale Plattformen, KI-gestützte Services und neue Wettbewerber grundlegend.
Ist die Gruppe für diesen Wandel gut aufgestellt?
Schmalzl: Die Sparkassen verfügen über eine starke Marktposition mit rund 42 Millionen Kundinnen und Kunden, wir haben eine Reichweite von deutlich über 50 Prozent. Sicherheit, Verlässlichkeit und regionale Verantwortung bleiben unsere zentralen Stärken. Unsere Erfahrung und wettbewerbsfähigen Konditionen sind entscheidend für die Kundenbindung und somit Teil des Fundaments unseres Erfolgs. Um weiterhin erfolgreich zu sein, investieren wir in digitale Infrastruktur, Plattformlösungen und integrierte Services. Damit bieten wir unseren Kundinnen und Kunden Sicherheit und Selbstbestimmung, um sie bestmöglich zu unterstützen. Klar sollte aber auch sein: Die Zukunft unserer Arbeit wird digital, nachhaltig, aber auch persönlich und sozial sein.
Was sind speziell die Herausforderungen im Umgang mit jungen Menschen wie der Generation Z?
Schmalzl: Junge Menschen erwarten digitale Angebote, die intuitiv, schnell und flexibel nutzbar sind. Sie wollen selbst entscheiden, wie sie ihre Finanzgeschäfte erledigen – ob mobil, persönlich oder im Wechsel zwischen beiden Wegen. Gleichzeitig besteht ein hoher Bedarf an verständlicher Orientierung bei Finanzfragen. Erwartet werden Transparenz, einfache Prozesse und Kontrolle über die eigenen Finanzen. Die Generation Z nutzt Finanzangebote häufig situationsbezogen und kombiniert dabei unterschiedliche Anbieter miteinander, je nachdem, welche Lösung im jeweiligen Moment am besten passt. Die Finanzbildung gewinnt weiter an Bedeutung, weil sie zur finanziellen Selbstbestimmung und wirtschaftlichen Teilhabe beiträgt. Hier setzen wir mit konkreten Angeboten an, etwa dem Schulservice, dem Planspiel Börse oder dem Beratungsdienst Geld & Haushalt. Entscheidend ist, junge Menschen dort zu erreichen, wo sie sich im Alltag bewegen, also auch in digitalen Lebenswelten und auf sozialen Plattformen.
»Junge Menschen wollen selbst entscheiden, wie sie ihre Finanzgeschäfte erledigen – ob mobil, persönlich oder im Wechsel zwischen beiden Wegen.«
Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des DSGV
Wie entwickelt sich vor diesem Hintergrund die strategische Ausrichtung der Sparkassen-Finanzgruppe weiter?
Schmalzl: Wir bauen konsequent auf unseren Multikanalansatz: Die Menschen sollen selbst entscheiden können, wie sie ihre Finanzgeschäfte mit uns erledigen – persönlich, digital oder flexibel im Wechsel. Ziel ist eine exzellente und durchgängige Kundenerfahrung über alle Kontaktwege hinweg. Den Erfolg sieht man zum Beispiel an den Nutzerzahlen unserer App: 20 Millionen Nutzerinnen und Nutzer sind ein starkes Signal für das Vertrauen, das die Menschen in die Sparkassen setzen. Unsere App ist für viele längst der zentrale Zugang zu ihren Finanzen.
In der digitalen Welt investieren die Sparkassen gezielt in mehrere Bereiche, um ihre Angebote zukunftsfähig aufzustellen. Ein Schwerpunkt liegt auf der Weiterentwicklung der genannten App „Sparkasse“ sowie auf digitalen und innovativen Produkten und Services. Ein Beispiel ist S-Neo in der Sparkassen-App, das ein breites Angebot an Wertpapieren für Selbstentscheider bereitstellt und einen einfachen Einstieg in die Geldanlage mit Aktien, Fonds und ETFs ermöglicht. Ein weiterer wichtiger Baustein ist Wero im Rahmen der European Payment Initiative (EPI), einem Zusammenschluss von 16 Banken und Finanzdienstleistern, zu denen auch die Sparkassen-Finanzgruppe gehört.
Das Bezahlsystem Wero ermöglicht schnelle Handy-zu-Handy-Zahlungen und bietet eine europaweit einheitliche, digitale Omnichannel-Zahlungslösung, die bereits von mehr als 42 Millionen Menschen genutzt wird. Was sich jedoch nicht ändert: Persönliche Beratung bleibt bei komplexen Finanzentscheidungen ein wichtiger Faktor – auch für jüngere Zielgruppen.
Es geht also vor allem um Kundenzufriedenheit. Können Sie diesen Ansatz noch einmal näher erläutern?
Schmalzl: Kundenzufriedenheit bedeutet heute weit mehr als klassisches Banking. Zu ihr gehören auch moderne digitale Lösungen wie sichere Identitäts- und Authentifizierungsverfahren sowie perspektivisch die EUDI-Wallet, die European Digital Identity Wallet. Sie verbindet Identitätsnachweis und Zahlung in einer sicheren europäischen Wallet. Mit Wero bringen wir eine europäische Payment-Lösung in das Ökosystem der EUDI-Wallet ein. Unsere Kundinnen und Kunden brauchen für all das nur ein Smartphone. Auch KI-gestützte Services und digitale Assistenten werden künftig eine größere Rolle spielen, etwa bei der Informationssuche, in Serviceprozessen oder bei individualisierten Angeboten. Dabei erwarten die Kundinnen und Kunden digitale Lösungen für ihren vernetzten Alltag – beim Banking ebenso wie auf Social Media, beim Reisen oder beim Arbeiten in Europa. Im Zeitalter von KI wächst hier das Spannungsfeld zwischen personalisierten Angeboten und Datenschutz. Entscheidend bleibt daher letztlich die Verbindung aus technologischer Innovation, persönlicher Orientierung und Vertrauen in die Marke Sparkasse. In Zahlen bedeutet das: Rund 35,4 Millionen Online-Banking-Verträge und 196 Millionen Besuche der Internet-Filialen zeigen die hohe Nutzung der digitalen Angebote. Und gleichzeitig stehen rund 129.000 Beraterinnen und Berater für die persönliche Nähe vor Ort bereit.
Wie wirkt sich dieser Ansatz speziell bei jungen Menschen aus?
Schmalzl: Junge Menschen sind digitalaffin, suchen bei wichtigen Finanzentscheidungen aber weiterhin persönliche Orientierung. Die Sparkassen positionieren sich deshalb als relevante Begleiter in ihrem Alltag. Dazu gehören verständliche Finanzbildung, transparente digitale Angebote, flexible Kommunikationswege und einfache Abschlussprozesse sowie bei Bedarf persönliche Beratung. Junge Zielgruppen werden dabei verstärkt über digitale Plattformen, Social Media, Gaming-Formate wie etwa „Schwein gehabt“ auf der Fortnite-Plattform und moderne Content-Angebote erreicht. Gleichzeitig entstehen neue Formate wie Gen-Z-Konzeptfilialen, die von jungen Menschen für junge Menschen gemacht werden. Beispiele sind die Azubi-Filiale der Sparkasse Leipzig oder die „barer41“ in München. Hinzu kommen digitale Beratungsangebote per Messenger und Video. Auch S-Neo adressiert gezielt junge Zielgruppen, Neukunden und Minderjährige mit attraktiven Sparplanlösungen. Wer junge Kundinnen und Kunden auf diese Weise früh gewinnt, hat die Chance auf langfristige Beziehungen über alle finanziellen Lebensphasen hinweg. Gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten wächst bei jungen Menschen das Bedürfnis nach Orientierung, Stabilität und einem verlässlichen Partner an ihrer Seite. Das erfüllen die Sparkassen: Wir sind digital und vor Ort.
»Unser Ziel ist eine exzellente und durchgängige Kundenerfahrung über alle Kontaktwege hinweg.«
Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des DSGV
Welche Rolle spielt bei all diesen Überlegungen in Zukunft die Filiale vor Ort?
Schmalzl: Filialen bleiben wichtige Orte für Orientierung, Beratung und Vertrauensbildung. Viele Kundinnen und Kunden wünschen sich gerade bei komplexen Finanzthemen weiterhin persönliche Ansprechpartner. Die Stärke des Sparkassenmodells liegt im Zusammenspiel von persönlicher und digitaler Nähe. Mit rund 10.500 Standorten verfügen die Sparkassen weiterhin über das dichteste Netz in Deutschland. Für 90 Prozent der Bevölkerung ist eine Sparkasse in weniger als acht Minuten erreichbar. Anpassungen im Filialnetz erfolgen dort, wo sich Beratungs- und Serviceangebote sinnvoll bündeln lassen. Gleichzeitig gewährleisten digitale Angebote, SB-Standorte und mobile Lösungen wie etwa der Sparkassenbus eine flächendeckende Versorgung.
Wir haben jetzt viel über die Angebote an junge Menschen als Kunden gesprochen. Wie gewinnen Sie die Gen Z als Arbeitgeber?
Schmalzl: Die Sparkassen verbinden Sicherheit, gesellschaftliche Verantwortung und eine moderne Arbeitskultur. Die Erwartungen an Arbeitgeber in dieser Generation sind hoch: Entwicklungsmöglichkeiten, moderne digitale Arbeitsumgebungen, flexible Arbeitsmodelle und mobiles Arbeiten werden vorausgesetzt. Die Sparkassen investieren hier gezielt. Künstliche Intelligenz wird zunehmend Teil des Arbeitsalltags und soll Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterstützen. Gleichzeitig investieren die Sparkassen weiterhin stark in Ausbildung und Nachwuchsförderung. Die Zahl der Auszubildenden wurde zuletzt deutlich gesteigert: Zum Jahresende 2025 waren rund 15.030 Auszubildende in den Sparkassen beschäftigt, was einem Anstieg um 9,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Ein besonders deutliches Signal liefert die Entwicklung der Bewerberzahlen: Die Bewerbungen für Ausbildungsplätze stiegen um 33,9 Prozent, nachdem bereits 2024 ein starkes Wachstum verzeichnet worden war. Der öffentliche Auftrag und das regionale Engagement schaffen gesellschaftliche Relevanz und Identifikation, gerade für junge Menschen. Das zeigen auch die Angebote der Deutschen Sparkassenstiftung für internationale Kooperation (DSIK) im Ausland, etwa der Einsatz junger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Sparkassen-Finanzgruppe in nachhaltigen Projekten weltweit. Die Verbindung aus Stabilität, Zukunftssicherheit und Innovationsfähigkeit bleibt ein wichtiger Wettbewerbsvorteil im Arbeitsmarkt.
Wie geht es mit dem Multikanalansatz weiter?
Schmalzl: Der Multikanalansatz ist kein Übergangsmodell, sondern eine langfristige strategische Entscheidung. Banking bleibt vielfältig, weil Menschen vielfältige Bedürfnisse haben. Persönliche Beratung und digitale Leistungsfähigkeit werden künftig noch stärker zusammenwachsen. Unser Ziel ist ein integriertes Kundenerlebnis über alle Kontaktwege hinweg. Menschen erwarten Wahlfreiheit statt fester Kanalvorgaben. Strategisch entscheidend bleibt die Verbindung aus digitaler Geschwindigkeit, persönlicher Orientierung, Vertrauen und Sicherheit sowie transparenter Selbstbestimmung. KI-gestützte Services und digitale Assistenten werden dabei künftig eine größere Rolle spielen, etwa bei der Informationssuche, in Serviceprozessen oder bei individualisierten Angeboten. Gleichzeitig bleibt die persönliche Beratung ein zentraler Bestandteil des Sparkassenmodells. Unser Ziel bleibt eine robuste, relevante und zukunftsfähige Sparkasse, gerade auch für jüngere Generationen.